1875

Richmodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt

„Am 4. Februar [1875] war das Kölner Stadttheater bereits in den Frühstunden umlagert. Die Kasse indessen hielt ihre Schalter geschlossen; sie war mit dem vielsagenden Zettel geschmückt: Ausverkauft! Keine Maus findet Platz mehr weder im Parquet noch in den Logen! Was geht denn vor? Singt die Patti? Erzählt Riemann von seiner Büßerfahrt nach Rom? Oder streicht gar ein Wunderkind die Geige mit allen Chikanen? Nichts davon! Fräulein Cäcilia Wolkenburg hat den Volksauflauf auf dem Gewissen, und was sie am Abend im Kölner Stadttheater aufführt, ist die große Oper: Richmodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt. Schauderhafte Oper der Zukunft in vier Akten mit „ganz“ neuer Ausstattung, vom Komponisten, der den Text erdacht, und dem Dichter, der die Musik gemacht.

Die junge Generation weiß von dem Werke nichts ab. Aber die Alten erzählen gern von der ungewöhnlichen Sensation, welche die Geburt dieser Parodie der Richard Wagnerschen Kunstweise vor 20 Jahren in Köln begleitete. Damals war das Werk von der Gesellschaft Augustin Casino aufgeführt worden. Träger der Hauptrollen waren M. DuMont-Fier und Andreas Pütz [Präsident des KMGV von 1865-1869, Gründungsbaas der Cäcilia Wolkenburg 1874]. Seitdem ruhte die Partitur in der Bibliothek des Konservatoriums, welcher der Dichter-Komponist Farina sie verehrt hatte.

Cäcilia Wolkenburg hat nun das spaßige Werk von den Spinngeweben der Vergessenheit gesäubert. Am 4. Februar [1875] erschien die „Richmodis“ wieder auf den Brettern, dreimal hintereinander bei ausverkauftem Hause und hohen Preisen. Der Theaterdirektor Behr hat an diesen Aufführungen das hübsche Sümmchen von 1.800 Thalern verdient, unser Anteil betrug nach Abzug der Kosten 1.300 Thaler zum Besten des Baufonds der Wolkenburg.

Vor 20 Jahren, als die Meinungen über die Wagnerische Kunstweise leidenschaftlich aufeinanderplatzten, sprang der Witz possierlich unter die Kämpfenden, und Freund und Fein lachte. Heute ist das musikalisch-parodistische Element der Richmodis veraltet, wirkungslos, und wenn der Zulauf zu dieser schauderhaften Oper der Zukunft ein so ungewöhnlicher war, so liegt dies einerseits an der tollen Karnevalszeit, die jedem Ulk nachläuft, andererseits aber an der ausgezeichneten Besetzung aller Rollen des Werkes, am Chor, welchen der Kölner Männergesangverein in imposanter Tonfülle vertrat, und an den persönlichen Beziehungen der Darsteller zum Publikum.

Die Aufführung war musterhaft zu nennen. Der ganze umfangreiche Apparat einer großen Oper funktionierte ohne Stockung wie am Schnürchen. Die Hauptpartie der „Richmodis“ lag in den Händen unseres ausgezeichneten Solo-Tenors, Herrn Joseph Wolff, der die Titelrolle sang. Aber es blieb noch so viel des Schwierigen zu erledigen, dass die übrigen Darsteller, die Herren DuMont-Heiderstädt, Toni Avenarius, Reinold Müller, und absonderlich der Chor, der Leistungsfähigkeit des Kölner Dilettantismus ein hochehrenvolles Zeugnis ausgestellt haben. Dazu ist das Werk innerhalb 14 Tagen einstudiert worden. Die Presse beurteilte die Aufführung sehr günstig, so dass von einer auswärtigen Theater-Intendanz in allem Ernst Erkundigungen nach den Lebensverhältnissen der Komponistin Frl. Cäcilia Wolkenburg eingelaufen sind.“

Quelle: Geschichte des Kölner Männergesangvereins, 3. Band, 1867-1891, herausgegeben vom Vorstand des KMGV, S. 91-93. M. DuMont-Schauberg, Köln, 1892.

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Richmodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt - Divertissementchen 1875 - Titelseite der Original-Paritur mit handschriftlichen Notizen zur Besetzung
Richmodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt - Divertissementchen 1875 - Titelgrafik der Original-Partitur
Richmodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt - Divertissementchen 1875 - Titelgrafik der Original-Partitur
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